Privacy.

07.04.2019

Früher (haha) lernte man jemanden kennen und wenn der erste Kontakt cool war, sich gut anfühlte und man interessiert an diesem Menschen war, gab man seine Telefonnummer raus. Oder man organisierte sich die Nummer des Anderen über gemeinsame Freunde. Irgendwie gab es da immer eine Möglichkeit, aber man musste schon etwas dafür tun. Das allein war schon aufregend, wenn man dann aber endlich die Nummer des Anderen gespeichert hatte, überlegte man sich was möglichst smartes um tatsächlich auch eine Antwort zu bekommen. Die noch ältere Variante wäre hier, die Festnetznummer und das Vereinbaren von Telefonzeiten. Oldschool und voll gut.

Okeh... die Zeiten haben sich geändert. Was nicht bedeutet, dass es weniger aufregend geworden ist seit Social Media. Es ist sogar noch aufregender geworden. Nein, nicht aufregender, eher aufreibender. Heute lernt man ja schon kaum noch jemanden in Clubs kennen. Was zum einen daran liegt, dass ich kaum noch in Clubs gehe und wenn, dann fühle ich mich da rausgewachsen. Ein Club heute ist irgendwie keine Plattform mehr um Menschen kennenzulernen. Oder liegt das am Mittdreißigerdasein? In diesem Kontext weiß ich soeben nicht, ob ich das witzig oder fürchterlich finden soll. Der Punkt ist, dass du ja heute fast ausschließlich über soziale Netzwerke Menschen findest, kennenlernst. Das macht das reale Miteinander nicht einfacher. Ich würde sogar sagen, dass es den persönlichen Kontakt noch erschwert.

Erstens weil wir uns auf diesen Kanälen nur so geben, dass es quasi salonfähig ist. Wir haben unsere Internetidentität erschaffen und geben nur so viel preis wie jede*r einzelne möchte und für angemessen anderen gegenüber empfindet. Was natürlich auch gut so ist. Aber DAS was wir mit den anderen teilen, ist doch nur ein Bruchteil dessen, was wir sind, wer wir sind.

Zweitens ist es für jemanden wie mich, wahnsinnig schwierig den ersten Schritt zu tun. Das kostet mich allein drei schlaflose Nächte und vierhundert geschriebene und wieder gelöschte Nachrichten. Ich überlege dann tagelang wie ich das anstellen soll. "Schickste da jetzt einfach die Add on Anfrage rüber?" Ich kann mich da auch überhaupt nicht abgrenzen und grübele schon wegen so einer lapidaren "Freundschaftsanfrage" wochenlang. Ich weiß, dass das Bullshit ist und wahrscheinlich keine*r außer mir da so nen Hype drum macht. Mal davon abgesehen, bekomme ich auch ständig Anfragen von Eltern, welche ich nicht beantworte oder direkt lösche. Ich will nicht, dass ihr mein Privatleben teilt. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Punkt.

Das Ding ist, dass ja so eine Anfrage, auch wenn sie angenommen wird, noch lange nicht bedeutet, dass das Eis gebrochen ist. Neeee, dann geht das Rumeiern erst richtig los. Wer schreibt denn jetzt wen als erstes an? Was schreibe ich denn überhaupt? Tue ich das richtige? Vielleicht findet die/ der Andere meine Nachricht ja auch voll doof? Damit kann ich mich dizzy denken. In 99% der Fälle, lasse ich es dann tatsächlich auch sein. Weil ich mir selbst zu anstrengend bin. Mit dieser Passivität werde ich natürlich nie jemanden finden. NEVER. "Jetzt sei nicht so ein Angsthase!" sage ich mir. Und weil ich ja eine 12-jährige im Körper einer je, nach Tagesform, 30 - 48-jährigen bin, hole mir noch dreihundert Ratschläge bei meinen Freundinnen. In der Regel bin ich auch überhaupt nicht auf den Mund gefallen. Ich bin schlagfertig und ich kann auch die Initiative ergreifen. Nicht so, wenn es darum geht, auf sich aufmerksam zu machen. Da bin ich ne totale Null drin.

Würde man jetzt davon ausgehen, dass die Icebreaker-Nachricht gut beim Gegenüber ankam, so schreibt man sich. Anfangs unverfänglich, später schon detaillierter. Wenn hier die Chemie stimmt, wäre der nächste Schritt demnach ein Date. Mal angenommen auch das verläuft super. Die Chemie stimmt, man lacht und unterhält sich gut. Perfekt, oder? Bis dahin verläuft ja die Kommunikation quasi ausschließlich über soziale Netzwerke. Was genau fehlt denn jetzt noch?

Die große Unbekannte ist nun, wenn nicht vorher schon ausgetauscht, die Telefonnummer. Die Telefonnummer. Aha. Das was uns also früher erst zur Kommunikation brachte, erscheint heute so privat, dass man dies oftmals schon nicht mehr vor einem Date tauscht. Warum? Weil sie zum einen fast unnütz geworden ist. Wir alle sind ja permanent online. Wer braucht da noch die Telefonnummer des Anderen? Zum anderen ist die Telefonnummer zu erfragen ein gefühlsmäßig merkwürdiger Punkt. Es fühlt sich an, als würde man den Anderen nach seinem Kontoauszug fragen. Beim ersten Date. Das ist lächerlich und verunsichert mich dennoch. Ist die Telefonnummer noch privater als ein Account in einem sozialen Netzwerk geworden? Wo wir doch alle unser Leben mit Menschen im Internet teilen, ist die Telefonnummer das letzte Stück Privatsphäre? Ist es uns unangenehm geworden dies mit Menschen zu teilen, die wir daten? Wenn ja, wann ist dann der adäquate Zeitpunkt dieses persönliche Detail preiszugeben? Gibt es diesen Zeitpunkt überhaupt noch? Ist es nicht schon beklemmend geworden, jemanden einfach so, ohne vorher via Nachricht abzuchecken ob es in Ordnung ist, anzurufen? Das wirklich Abstruse daran ist tatsächlich, dass wir unser Leben mit allen Schikanen, an die sozialen Netzwerke verschreddern und hintenraus nicht mal mehr die Eier haben, nach der Telefonnummer des Gegenübers zu fragen. Echter Kikifax im Gegensatz zu dieser alles überschattenden Angst, auf dem Festnetz der Freundin oder des Freundes anzurufen und dessen/deren Mutter oder Vater würde drangehen!!! An jede*n der von meiner Mutter in meiner Jugend am Festnetz verarscht wurde: sorry. Aber witzig ist es. Als Jugendliche fand ich´s ziemlich uncool, heute finde ich die Aktionen meiner Mutter ziemlich lustig. Zumal sie damit auch immer instinktiv die richtigen Kandidaten erwischte.

Wie ist das also mit diesem altmodischen Telefonnummern-Tausch? Sind wir da alle rausgewachsen, wie ich aus den Clubs oder meiner Jeans?

J.

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