Herbst.

23.09.2018

Ah, okeh. Da bist du also. Ich weiß nicht genau wo ich gedanklich in diesem Kontext stehe. Der Regen tut gut. Er wäscht den Staub von den Straßen und den Herzen. Das erleichtert den Abschied von sechs Monaten Sommer. Es macht mich etwas schwermütig, wobei das auch an Bon Iver liegen kann. Der erste bewusste, herbstliche Sonntag in diesem Jahr. Bewusst, weil ich in den letzten Wochen noch auf dieser sommerlichen, leichten Wolke aus Sonne und Chlorwasser schwebte. Hingegen heute, bestimmen Bon Iver und Ingwertee den Tag. Ich mag den Herbst sehr. Vor allem deswegen, weil ich wieder atmen kann, weil es nach Veränderung riecht und diese Veränderung spürbar ist. Der Sommer lenkt mich oft von wirklich wesentlichen Dingen ab. Ich kann mich nur schwer konzentrieren, kann nicht im Freien lernen, weil mich die Geräusche ablenken und ich mich dann oft leiten lasse.

Eine große Prüfung steht bevor. Seit Monaten liegt das Gefühl zu dieser Prüfung in der Luft. Es ist greifbar und ich möchte das gern wegschieben. Was natürlich nicht möglich ist. Und so musste ich mich in den vergangenen Wochen immerzu aufraffen tatsächlich etwas für diese Prüfung zu tun. Statistik. Ich will diese Klausur beim ersten Anlauf bestehen, unbedingt. Und da ich die typisch, klischeehafte Angstpatientin bei Prüfungen bin, steigere ich mich auch wahnsinnig gut in die Versagensangst hinein.

In diesen Tagen beschäftigen mich viele Dinge. Ich versuche Ordnung in diesen Wirrwarr zu bringen. Es ist chaotisch und aufwühlend. Eine Menge Veränderung passiert gerade. Ich mag Veränderung. Oft ist die Veränderung die einzige Konstante in unserem Leben und wir müssen uns entscheiden. Dabei geht es nicht um Richtig oder Falsch. Wir können niemals im Vorfeld erahnen in welche Richtung unsere Entscheidungen gehen. Zu viele Faktoren bestimmen dies. Das einzige was im Kontext der Entscheidungen in unserer Macht steht, ist zu verändern, sollte sich die eine oder andere Entscheidung als Fehler erweisen. Was wiederum einen lebenslangen Lernprozess darstellt. Aber gut. Wir alle wissen das. Ich weiß das.

Ich habe einen neuen Job. Ich verlasse meine alte Stelle weinend und lachend gleichermaßen. Ich liebte meinen Job sehr. Aber ich musste mich entscheiden. Und wenn man Erwachsen und Mutter ist, dann trifft man Entscheidungen zugunsten des Gemeinwohls. In meinem Fall ist das meine kleine Familie. Ich arbeite jetzt weniger. Ich bin zu adäquaten Zeiten zu Hause um für meine Kinder da zu sein. Das war ich vorher auch. Aber seit Monaten nicht vollständig. Nach unserem dramatischen Urlaub musste ich die Notbremse ziehen. Und es ist richtig. Es fühlt sich gut an und ich bin innerlich ausgeglichen.

Ich habe eine Therapie begonnen und arbeite gerade mein Leben auf. Das ist anstrengend und es tut weh. Aber es hilft mir. Die Therapie hilft mir viele Dinge in meinem Leben verarbeiten zu können, es hilft mir die alten Wunden unter den Verbänden anzusehen und zu besprechen. Ich fühle mich wohl und ich werde die Verbände irgendwann abwickeln und mit den Narben leben können. Ich meine dies rein Bildhaft, es gibt keine realen Narben auf meiner Haut - nur um autoaggressives Verhalten auszuschließen. Es geht tatsächlich in dieser Darstellung um Narben auf der Seele. Narben die viele Menschen in sich tragen. Aber, und das ist der springende Punkt, jeder lebt auf eine andere Art und Weise mit seiner eigenen Biografie. Ich hatte das grundlegende Bedürfnis die Dinge die geschehen sind und in welchen es Begebenheiten gab, in welchen etwas fundamental schiefgelaufen ist, aufzuarbeiten.

Eine weitere Sache die mich im Moment nicht loslässt besteht aus eigenen Beobachtungen im beruflichen Kontext. Vor einigen Monaten schrieb diesen Text über die wachsende Sexualisierung innerhalb der Medien und unter Kindern - und Jugendlichen*. Täglich begegnen mir Kinder - und Jugendliche* deren Verhalten mich erschaudern lässt. Deren Verhalten mich flashbackartig in die Serie "Tote Mädchen lügen nicht" katapultiert. Es ist erschreckend und beängstigend was da in Jugendclubs, auf Schulhöfen, in sozialen Netzwerken und in Messanger Diensten passiert. Im Juli war ich verärgert und wütend. Heute bin ich der Verzweiflung nahe und versuche auf allen mir zur Verfügung stehenden Ebenen eine Lösung zu finden. Ich fühle mich etwas wie David gegen Goliath, aber es ist zu wichtig um nicht zu kämpfen. Wir müssen uns bewusst machen, was da draußen unter den Kindern - und Jugendlichen* abgeht! Das ist kein Witz und das ist weit weg von einer helikopternden Pädagogin und Mutter. Das ist die verdammte Realität und sie ist beschissen.

Ach ja, fast vergessen. Wir haben ja in Deutschland überhaupt keine Probleme. Neeeee. Alles totaler mediengehypter Blödsinn. Unser einziges reales Problem sind ja die Flüchtlinge. BULLSHIT! Dieser Sachverhalt ist meiner Meinung nach, unser geringstes "Problem". Wie wäre es denn, wenn nun endlich mal ein Beschluss des Kultusministeriums, für Medienkompetenz als Pflichtfach an Schulen kommen würde? Oder aber diese ganzen Pisser hinter ihren Schreibtischen, würden mal die Ärsche hochkriegen, und tatsächlich auf die Straßen gehen und sich die Kinder - und Jugendlichen* in der Praxis angucken. Aber nein, da diskutieren wir lieber in den jährlichen Zielvereinbarungsgesprächen darüber, dass wir kein Problem mit Rassismus, Sexismus und Gewalt haben. Klar. Wir brauchen auch keine adäquate Mädchen und Jungenarbeit. Brauchen wir nicht. Ist alles rausgeschmissenes Geld. David gegen Goliath. In Hochpotenz. Ich will schreien und aufstampfen. Vor allem wenn ich an 12 jährige Kinder denke, die vor mir sitzen und mir erzählen, dass der Papa sagt, dass Hitler doch voll Okeh war. "Aber das darf man natürlich nicht laut sagen." Na, da bin ich aber froh, dass wir kein Problem mit dieser ganzen braunen Scheiße haben. Mannometer! Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn man dies unter den Teppich kehren würde.

J.

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